10. März 2026
Schon als Kind suchte Julian Heeb nach Lösungen für Hindernisse. Der Wittenbacher Softwareingenieur entwickelt mit Ginto die wichtigste Plattform der Schweiz für Informationen zur Zugänglichkeit.
Die Nachbarskinder klettern ins Baumhaus. Auch der junge jährige Julian Heeb möchte beim Abenteuer dabei sein, doch er ist mit seiner spinalen Muskelatrophie an den Rollstuhl gebunden. Kurzerhand überzeugt er seine Gspänli, einen Lift zu bauen: ein Flaschenzug, ein Seil, eine Plattform für den Rollstuhl. Beim ersten Test reisst das Seil und der Nachbarsjunge landet unsanft auf dem Boden.
Die Episode spielte sich vor über 30 Jahren in Wittenbach ab. «Wir scherzen heute noch darüber», sagt Julian Heeb schmunzelnd. Schon damals zeigte sich, was ihn bis heute auszeichnet: Wenn ein Hindernis auftaucht, beginnt er nach Lösungen zu suchen.
Die Plattform für Zugänglichkeit
Der heute 45-jährige Wittenbacher ist Gründer und Entwickler der digitalen Plattform Ginto. Die App hat sich gemäss Heeb zur wichtigsten Plattform für Zugänglichkeitsinformationen in der Schweiz entwickelt. Sie liefert objektive Angaben zur Zugänglichkeit von unterschiedlichen Orten. Rund 30’000 Lokalitäten wie Restaurants, Museen, Veranstaltungsorte, Bahnhöfe und viele mehr sind inzwischen erfasst. Nutzerinnen können so im Voraus prüfen, ob ein Ort ihren individuellen Anforderungen entspricht. «Nicht jede Mobilitätseinschränkung ist gleich», erklärt Heeb. «Eine Stufe, die ich mit dem Elektrorollstuhl nicht überwinden kann, schafft vielleicht jemand mit einem leichten Rollstuhl.»
Von der Idee zum Arbeitgeber
Der Auslöser für Ginto liegt im Jahr 2007. Kurz vor dem Abschluss seines Masters in Informationstechnologie und Elektrotechnik an der ETH reiste Heeb für eine Veranstaltung von Wittenbach nach Zürich. Vor Ort stellt sich heraus: Der Anlass findet über eine schmale, lange Treppe im Keller statt. Für Heeb unerreichbar, den Weg nach Zürich hätte er sich sparen können. „Die Erfahrung brachte den Ingenieur in mir zum Grübeln, wie sich solche Situation vermeiden lassen“, erzählt Heeb. Und so entstand die Idee einer digitale Plattform für Zugänglichkeitsinformationen. Was zunächst als Hobby mit Unterstützung von Freunden begann, entwickelte sich weiter. Das Projekt wurde grösser, umfangreicher, professioneller. Heute steht hinter Ginto der Verein Sitios mit einer Trägerschaft wie Pro Infirmis oder dem Förderverein Barrierefreie Schweiz mit allen relevanten Tourismusorganisationen. Sitios betreibt die Plattform und entwickelt sie weiter, Julian Heeb arbeitet dort als Leiter Entwicklung.
Unsicherheiten, Mut und Offenheit
Nach seinem Studium arbeitete Heeb 17 Jahre als Softwareentwickler bei einem Entwicklungsdienstleister. Vor drei Jahren gab er den sicheren Job auf und widmet sich seither voll Ginto. Ein mutiger Schritt, der mit Unsicherheiten und Risiken verbunden ist: Die Finanzierung der Plattform ist bis heute eine Herausforderung und nicht langfristig gesichert. „Ich brauchte sehr viel Überwindung für diesen Entscheid“, sagt Heeb offen.
Übergänge in neue Situationen waren für ihn immer besonders anspruchsvoll. Nicht zuletzt, da er im Alltag stets auf Unterstützung von anderen angewiesen ist. Das erfordert Offenheit auf beiden Seiten. Dass Menschen manchmal im ersten Moment unsicher auf ihn reagieren, kennt er. „Ich gehe offen auf die Leute zu und bin überzeugt, dass ich so beeinflussen kann, wie sie auf mich reagieren.“ Meist funktioniere das gut, selten gibt es jedoch Situationen, die irritieren. Etwa dann, wenn er im Restaurant ungefragt keine Menükarte ausgehändigt bekommt.
Mit Humor und Ideen weiterdenken
Trotz solcher Erfahrungen bleibt Julian Heeb optimistisch. „Man sollte das Leben nicht zu ernst nehmen, es gibt immer etwas zu lachen“, sagt er. Humor, Neugier und der Wunsch, Dinge zu gestalten, treiben ihn an. Diese Haltung scheint auch zu erklären, warum Hindernisse für ihn oft zum Ausgangspunkt neuer Ideen werden – damals beim Baumhauslift und heute bei Ginto. Für die Zukunft wünscht sich Heeb vor allem eines: eine nachhaltige Finanzierung, damit die Plattform langfristig weiterentwickelt werden kann; vielleicht sogar mal über die Schweizer Grenze hinaus. „Und als Wittenbacher wünsche ich mir ein rollstuhlgängiges Schloss Dottenwil“ ergänzt Heeb und lacht.



